Lassen wir unsere Mitarbeiter die Fehler feststellen und selbst korrigieren?

Was sollen wir tun, um das Porzellan nicht zu zerschlagen, sondern eine richtige und vollständige Erkenntnis aus den Fehlern zu erlangen?

 

Jedem Kind ist es unangenehm, eine schlechte Note mit nach Hause zu bringen. Ich war gerade eingeschult worden. Es war noch warm und schön, auf der Straße zu spielen. Die Schule hatte meine Gewohnheiten noch gar nicht beeinflusst. Die erste Note kam völlig unerwartet. Eine glatte 5! Ach, die Eltern sollten auch noch unterschreiben? Damit hatte ich nicht gerechnet. Am Abend beobachtete ich gespannt die Gesichter meiner Eltern und konnte es nicht übers Herz bringen, die gute sommerliche Laune in unserem Haus zu verderben. Was nun? Ich nahm den Füller und schrieb den Namen meiner Mutter an die besagte Stelle.

Aus dieser Fälschung entwickelte sich ein Drama. Eine spontane Eltern–Lehrer Sitzung wurde einberufen, gleich am nächsten Tag. Ich stand vor allen Schülern und musste erklären, was ich getan hatte. Mit meiner Freundin Olja ging ich danach nach Hause. Sie versuchte, mich mit anderen Themen zu beschäftigen, es wurde gespielt und gelacht.

Die Fälschung der Unterschrift war definitiv ein Fehler gewesen, zum Glück ohne Strafmaßnahmen für mich. Trotzdem denke ich viele Jahre später daran zurück und vergesse zwei Dinge nicht, die auch mein Leben als Unternehmerin geprägt haben: Fehler erkennen und Fehler behandeln. In der Unternehmenskultur ist es unmöglich ein Team zu führen und weiter zu entwickeln, wenn man mit Fehlern nicht umgehen kann. Gibt es dafür eine Regel? Oder ist es jedem selbst überlassen, seinen Weg zu finden? Lassen wir unsere Mitarbeiter die Fehler feststellen und diese selbst korrigieren, oder konfrontieren wir sie mit den Fehlern und führen sie zur Korrektur? Was sollen wir tun, um das Porzellan nicht zu zerschlagen, sondern eine vollständige Lehre aus den Fehlern zu ziehen, die den Wert eines Erkenntnisgewinns hat?

„Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen“ (Henry Ford)

Mein Fehler aus der Kindheit war eine solche Lehre. Ich habe daraus gelernt, dass Fehler Konsequenzen haben. Und die Unterstützung meiner Freundin hat mir gezeigt, dass wahre Freundschaft von Fehlern unbeeinflusst bleibt. Alles natürlich in Maßen. In meinem Alltag als Arbeitgeberin passieren oft Fehler im Betrieb, große und kleine. Die erste Frage, die ich mir dann Stelle, ist: Was habe ich übersehen, und wie hätte ich diesen Fehler verhindern können? Meine erste Aufgabe danach ist, die richtige Reaktion zu zeigen. Drama hilft niemandem, ich benutze lieber den Ausdruck „wir können alles reparieren“. Damit öffne ich die Tür zu mir und biete eine vertrauensvolle Basis für die weitere Kommunikation. Dann folgt die gemeinsame Fehleranalyse, die mit der Frage beginnt: „Lassen Sie uns schauen, was passiert ist?“  Es folgt die Lösung, die ich nicht als Chef auf dem Tablett serviere. Meine Arbeit besteht darin, die Mitarbeiter zu eigenen Lösungen zu führen. Am Ende steht eine Erkenntnis. Wir wissen, wo der Fehler liegt und wie wir ihn reparieren können.

In diesen Gesprächen entwickelt sich ein Gefühl.  Als Menschen zusammenzustehen und die Kraft der Gemeinschaft zu suchen, um Fehler zu vermeiden oder zu beheben. Bei grober Fahrlässigkeit kann es auch passieren, dass die Verantwortung für ein Projekt einem anderen Mitarbeiter übertragen wird. Dabei darf aber nicht die Wertschätzung und ein „Danke“ für die bisher geleistete Arbeit fehlen. Dieser Prozess ist auch für den Arbeitgeber eine echte Prüfung, doch notwendig, um seine Mitarbeiter zu führen und Verantwortung zu zeigen.

Der gemeinsame Weg vom Fehler zum Erfolg stärkt ein gutes Team. Jeder kann diesen Weg gehen. Voraussetzung ist, das Team, das man führt, als eine Gemeinschaft von Menschen zu verstehen. Der Akzent liegt auf Menschen. Denn Menschen machen Fehler und Führungskräfte machen aus verschiedenen Menschen ein Team.

Für diese Aufgabe braucht eine Führungskraft die Fähigkeit, Fehler zu erkennen und Fehler zu verzeihen. Auch sich selbst.